Gedenkakt zum 80. Jahrestag der Reichspogrom­nacht

Würdige Momentaufnahme der Stolperschwelle nach der Gedenkveranstaltung

Am heutigen Tag jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Anlässlich dieses traurigen Ereignisses hielten wir einen Gedenkakt an der Stolperschwelle vor dem Altgebäude ab. Anwesend waren auch die Präsidentin und insgesamt circa 130 Mitglieder der Hochschule aus den unterschiedlichen Statusgruppen der Universität. Studierende, Lehrende und Mitarbeitende gedachten zusammen den Opfern des Nationalsozialismus und hielten gemeinsam fest, dass sich auch im Alltag gegen die derzeitige Tendenzen der Gesellschaft positioniert werden muss. Im Namen aller Studierenden legten wir einen Kranz mit der Aufschrift: „In Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus – Die Studierendenschaft der TU Braunschweig“.

Unsere Rede

Sehr geehrtes Präsidium, sehr geehrte Lehrende und Mitarbeitende, liebe Kommilitonin­nen und Kommilitonen, liebe Anwesende,
Heute am 9. November 2018 jährt sich die Reichspogromnacht zum achtzigsten Mal. Heute vor 80 Jahren fand das einen vorläufigen Höhepunkt, was schließlich in den Konzentrationslagern endete. Gerade dieser heutige Tag steht daher symbolisch für den Startschuss der systematischen Vernichtung. Bei solch einer langen Zeit besteht die Gefahr, dass diese grauenhaften Taten und vor allem der Beginn aus dem kollektiven Gedächtnis verblassen.
Diese im Jahr 2014 eingelassene Stolperschwelle trägt die Inschrift: „In Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus an unserer Hochschule – diskriminiert, entlassen, vertrieben, verfolgt, ermordet“, denn auch über 50 Angehörige der damaligen Technischen Hochschule fielen der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus zum Opfer.
Exemplarisch seien an dieser Stelle drei Menschen genannt:
Gustav Schmidt, Studierender an der Technischen Hochschule und Vorsitzender der sozialistischen Studierendengruppe, beispielsweise, wurde nach seiner Prüfung für den Volksschuldienst aufgrund seiner politischen Überzeugung und der Weigerung, in die SA einzutreten, nicht in den Schuldienst übernommen. Im Juni 1933 wurde Schmidt schließlich mit 400 anderen Personen im AOK-Gebäude unweit von hier eingesperrt und gefoltert. Am 4. Juli folgte die Deportation in das ehemalige Gewerkschaftsheim Pappelhof bei Rieseberg, dort wurde er von der SS ermordet.
Aus politischen Gründen wurde auch Ilse Rüder, Assistentin an der Nahrungsmittel­untersuchungsstelle der TH, 1933 aus dem Staatsdienst entlassen. 1908 war sie die erste Pharmaziestudentin und 1913 die erste Frau in einer Assistentinnenposition an der TH. Bereits vor ihrer Entlassung hatte sie mit Ressentiments zu kämpfen. In den Jahren nach ihrer Entlassung versuchte sie anderweitig ihren Lebensunterhalt zu verdienen, dies scheiterte. Am 24. August 1936 starb Ilse Rüder – aufgrund von Verzweiflung nimmt sie sich vermutlich sich das Leben.
Michael Wolfson, Lektor für russische Sprache an der TH Braunschweig, wurde ebenfalls im Juni 1933 aufgrund seines jüdischen Glaubens entlassen. Grundlage hierbei bildete das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Immer wieder wurden er und seine Familie daraufhin von der Gestapo drangsaliert und aufgefordert das Land zu verlassen. Mittellos wurden sie 1943 geschieden und Wolfson, nach der zwangsweisen Unterbringung im „Judenhaus“ Hagenbrücke, nach Auschwitz deportiert, wo er am 24. August 1943 ermordet wurde.
Nicht erst durch die Reichspogromnacht im November 1938 begann der nationalsozialisti­sche Terror, nein, er begann mit der systematischen Ausgrenzung und Denunziation von Menschen, die nicht in das politische Weltbild der Hetzenden passten.
Die Technische Universität Braunschweig bekennt sich zu dieser Geschichte und arbeitet seit geraumer Zeit die Zeit nationalsozialistischer Verfolgung an der Hochschule wissen­schaftlich auf, heißt es nach der Niederlegung der Stolperschwelle 2014 im Magazin der TU.
Wir alle sind Mitglieder dieser Hochschule, wir alle sollten durch eine lebendige Erinne­rungskultur und unser Handeln im Alltag diesem Verblassen entgegentreten.
Denn erneut kann mit Angst und Ausgrenzung Politik betrieben werden, erneut werden Lehrende öffentlich, zum Beispiel über eine Internetplattform, angeprangert, erneut wird ihre Entlassung gefordert, weil sie nicht in das politische Weltbild der Hetzenden passen,
erneut folgen – getrieben von solchen verbalen Angriffen – nicht selten Taten. Es obliegt uns sich diesem entgegenzustellen.
In einer Erklärung des Präsidiums und des Senates aus dem Jahr 2010 heißt es: „Die Be­troffenen erreicht diese Erklärung nicht mehr. Sie soll dennoch einen Beitrag leisten, ihr Andenken zu wahren und ihren wissenschaftlichen Leistungen die Würdigung zukommen zu lassen, die man ihnen zu Unrecht aberkannte“ – wir sagen mehr noch:
Lasst uns alle gemeinsam an die schrecklichen Folgen dieser Terrorherrschaft erinnern und vor allem im Alltag den Anfängen wehren.

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Auch die Technische Universität Braunschweig verfasste einen lesenswerten Beitrag im TU-Online-Magazin: https://magazin.tu-braunschweig.de/m-post/die-erinnerung-wach-halten/