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Gegen das Vergessen – Emmy Vosen

Elvira Vosen (25.10.1881 – 1944), Am Gaußberg 3

Elvira Vosen, gennant Emmy, wurde am 25.10.1881 in Schalke geboren. Nach verschiedenen Umzügen u.a. in Buer und Essen, zog sie am 04.06.1903 nach Braunschweig. Am 11.05.1912 wurde sie Besitzerin des exklusiven Damenkonfektionsgeschäftes „Modehaus Vosen“, welches sich am Kohlmarkt 5 befand. Im Obergeschoss des Gebäudes schneiderte Emmy persönlich die Ware, die sie im Untergeschoss verkaufte. Aufgrund der damals herrschenden Wohnungsknappheit, wurde Emmy vom Wohungsamt angewiesen in das Haus mit der Adresse „Am Gaußberg 2“ einzuziehen. Dort entstand eine mütterliche Freundschaft zu dem Nachbarsjungen namens Hans-Werner Rössing-Schmalbach. 1930 zog sie in das Nachbarhaus „Am Gaußberg 3“ um.

Der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 traf auch das „Modehaus Vosen“. SA-Männer versuchten Leuten vom Betreten des Geschäftes abzuhalten, was jedoch auch auf Widerstand bei einigen BraunschweigerInnen stieß. Diese trotzten den Beschimpfungen und gingen zum Teil einfach nur aus Protest gegen den Boykott in das Modehaus.

Aufgrund der Beliebtheit des „Modehaus Vosen“ kauften weiterhin genügend Leute dort ein. Teilweise waren sogar die Ehefrauen hochangesehener Nationalsozialisten weiterhin Kundinnen. Daher hatte Emmy trotzdem keine Schwierigkeiten ihr Geschäft zu betreiben.

Dies wurde jedoch zu einem weiteren Schlag gegen sie und ihr Geschäft genutzt. 1935 wurden ihre Geschäftsbücher in Beschlag genommen, um herauszufinden wer weiterhin bei ihr einkaufte. Die Kundenlisten wurden veröffentlicht mit der Aufforderung die Betreffenden sozialer Ächtung auszusetzen. Als Emmy am 3.3.1939 um die Rückgabe ihrer Geschäftsbücher bat, wurde ihr mitgeteilt, dass diese nicht aufzufinden seien.

Am 31.3.1937 wurde in das Schaufenster des Modehauses das Wort „Jude“ eingeätzt. Täter war das NSDAP-Parteimitglied Josef Zoul, welcher von Beruf Schneider war. Da er dies jedoch ohne einen offiziellen Auftrag der Partei tat, galt dies als Sachbeschädigung und führte zu seiner einmonatigen Inhaftierung.

Ein weiterer Versuch Emmy zu schaden war, ihr anzuhängen, dass sie sich an dem Nachbarsjungen Hans-Werner Rössing-Schmalbach vergangen haben soll. Dazu wurde am Gaußdenkmal Kontkakt zu dem Jungen aufgenommen, woraufhin er mit einer Unterschrift bestätigen sollte, dass Emmy sich ihm unangemessen genähert haben soll. Jedoch brachte Hans-Werner den Mann, der ihn angesprochen hatte, dazu, ihn nach Hause zu begleiten. Dort wurde dieser von Hans-Werners Vater zurechtgewiesen, was eine Verhaftung Emmys verhinderte. Jedoch kam es dennoch zu Gerüchten und zu einer Rufschädigung, weshalb der Verkaufsraum des Modehauses vom Geschäftsmann Erich Unger übernommen werden musste und der Name des Modehauses geändert wurde. Aber Emmy hatte weiterhin die Gelegenheit im Obergeschoss Kleidung zu schneidern.

In der Pogromnacht (9.11.1938) wurde das Geschäft jedoch zerstört. Im selben Jahr wurde Emmy gezwungen in ein Judenhaus in der Ferdinandstr. 9 umzuziehen.

1939 verkaufte sie das Geschäft komplett an die Ehefrau von Erich Unger. Dieser war bereits 1938 verstorben. Während der Pogromnacht wurden ihm Verletzungen zugefügt, denen er am 12.12.1938 erlag, da Juden in Krankenhäusern nicht mehr medizinisch versorgt wurden,

Am 16.3.1943 wurde Emmy in das KZ Theresienstadt deportiert. Von dort aus meldete sie sich schriftlich bei der Familie des Nachbarsjungen Hans-Werner. In diesem Schreiben stellt sie ihre momentane Lage jedoch stark verharmlost dar.

„Meine sehr Lieben, heute habe ich Gelegenheit Ihnen recht herzliche Grüße zu senden. Hoffentlich geht es Ihnen so gut wie mir. Hab eine Reise, die mir unvergesslich bleiben wird, hinter mir. Bin immer noch im Haushalt beschäftigt.. Mein Koffer ist abhanden gekommen, besitze 1 Hemd, 1 Schlüpfer, 1 Rock, 1 Bluse. Jeden Sonntag wird gewaschen und frisch angezogen.“

1944 verstarb sie in Theresienstadt. Als Todesursache wurde Typhus angegeben.

Quelle: http://www.stolpersteine-fuer-braunschweig.de/namen/vosen/ (Recherche: Phillipp Jacob, Freie Waldorfschule 2011)